Die in Köln lebende Künstlerin Nadine Decker zeigt im Walzwerk Null Arbeiten, die sich einem Werkzyklus der letzten zwei Jahre bis heute zuordnen. Über Fotografie, Video und Installation nähert sie sich der Metapher des Bootes. Das Boot fasst sie als selbst geschaffene Oase in der Unendlichkeit des Raumes Meer. Nadine Decker interessiert insbesondere der Aspekt der Unmöglichkeit des Begrenzens und Absteckens eines eigenen Raumes in der Weite; und setzt sich mit dem Meer als Transferraum auseinander, den es zu überwinden galt und gilt.
Als Urelement benannte erstmalig der griechische Philosoph Thales von Milet das Wasser. Er schrieb jener Ursubstanz zu, dass alle Dinge aus ihm hervorgegangen sind, verstand das Wasser aber nicht nur als monolithisch, sondern sprach dem Erscheinungswesen des Wassers eine unermessliche Wandelbarkeit zu. In ihm verbindet sich neben der schöpferischen auch die zerstörende Kraft, dessen Ambivalenz sich ebenso im Mensch findet. Seine Physis, der Wechsel der Aggregatzustände und die Vielgestaltigkeit seiner Eigenschaften machen das Wasser zu einem komplexen Material, das für den Mensch von existenzieller und kultureller Bedeutung ist.
Die Arbeiten, die Nadine Decker in der Ausstellung Die Nymphen weben den staunenden Augen dort Tücher wie schillernde Meeresflut (Odyssee) versammelt, versuchen nicht die Gestalt des Wassers zu imitieren oder zu illustrieren, sondern befragen das Meer auf seine Gleichzeitigkeiten: In denen das Mögliche dem Unmöglichen begegnet, dem Unkontrollierbaren das Humane abgetrotzt wird. Nadine Decker nimmt Einfluss auf die Eigenschaften, Dynamik, Erscheinungsformen und Materialität von Wasser wie auch Meer und bietet dessen Wahrnehmung eine andere Sinnlichkeit an. Keine Küste in Sicht, keine Insel, kein Land, große Wellen oder Felsen, die den Blick aufhalten könnten. Eine ewige, eine unendliche Oberfläche, wobei Ursprung und Zielpunkt aufgehoben sind. Die Arbeiten lassen hintergründig ein Urbild erscheinen und stehen damit in der Nähe zu den Meeres- und Wasserlandschaften anderer Künstler, wie den Seestücken Gerhard Richters, Hiroshi Sugimotos Seascapes oder Still Water (The River Thames, for Example) von Roni Horn.
Aufgrund seiner schier unendlichen Weite dient das Meer als Projektionsfläche. Im Unterschied zu Landschaften haben sich Meer und Himmel nicht verändert; sie stehen für das, was schon immer war und wohl immer sein wird und bergen damit eine unheimlich erscheinende Dimension in der sich die Zeit aufhebt. Nadine Decker bewegt sich mit den drei Fotografien o.T. (seascapes) genau auf jene Schnittebene von Meer und Himmel zu, die den weitest entfernten sichtbaren Punkt bildet: Der Horizont. Ein trügerisches Phänomen, bildet es zum einen Orientierung und ist doch inexistent. Nadine Decker umspielt in ihren Aufnahmen die Illusion des Horizonts, in dem sie mit einfachen Mitteln ein farbiges Meer einem monochromen Himmel entgegensetzt. Die stoffliche Textur, die als Wasserfläche anmutet, lockt nicht mit dem Schillern des Wassers, sondern mit einer Haptik, deren Präsenz den Blick auf den scheinbaren Horizont driften lässt. Ihr Entwurf einer Wasseroberfläche markiert ein deutliches Außen des Meeres, das sich ins Ewige zieht. Wellenähnlich ist der Stoff durch Falten belebt. Jede Falte macht eine Differenz in der Oberfläche, sie erweitert den Raum, bildet Raum, macht den Raum sichtbar und erfahrbar – und dynamisiert die Identität der Illusion Meer in den drei Seascapes.
In der skulpturalen Arbeit Pure Land bildet eine Vielzahl von handlangen Quadern aus Beton eine Fläche, die ein rechteckiges Podest nahezu ausfüllt, würden nicht zweifingerdicke Spalten zwischen ihnen den Blick auf die unterliegende grüne Schneidematte freigeben, deren zarte Linien an ein Koordinatensystem erinnern. Das niedrige Podest gibt eine Perspektive vor, die den Fokus des Betrachters zu der Fläche und ihrer Beschaffenheit führt. Die Oberfläche entsteht durch den Abguss von zerknitterten Origamipapier, das sich durch einfaches zerknüllen formt. Die entstehenden Falten und Krümmungen ließen sich als Meeresoberfläche erfassen, ebenso schwebt aber auch das Oppositiv einer ausgedörrt vegetationslosen Landschaft mit. Mit der Verwendung von Beton wird die Fläche nicht zur durchlässigen Membran, sondern bekommt eine Physis, die einzelne griffige Körper schafft. Die sinnliche Erfahrung des Materials wendet sich und rückt der Unmöglichkeit nahe den Wasserkörper als geschlossene Form greifen zu können.
In der fotografischen Arbeit Revolution oder: eine Schneeflocke fällt ins Meer kommt Papier zur sichtbaren Verwendung. Die leichte Papierkugel, die die Zartheit einer Schneeflocke imitiert, wirkt Übergroß im Verhältnis zu der ihr unterliegenenden Meeresfläche. Es scheint unmöglich, dass beide laut Gesetz der Aggregatszustände miteinander verschmelzen und das Wasser im nächsten Moment die Flocke aufnimmt. Der Begriff Revolution, der sich rechts im Bild lesen lässt, fügt sich als Aufruf ein, der mit den neuen Parametern Nadine Deckers die Regeln der Natur aufzuheben versucht.
Mit dem knapp zehnminütigen Video How to construct a boat, that is too heavy to float but too light to sink stellt Nadine Decker schliesslich die unmögliche Aufgabe an einen Schiffsbauingenieur, ein Boot zu konstruieren, das zu schwer ist zum Schwimmen und zu Leicht zum Sinken. Nadine Decker sucht nach dem Punkt, der den Stillstand markiert, die Krisis in einer von vornherein zum Scheitern aufgesetzten Tragödie, um im nächsten Schritt ein Potenzial zu finden, das einen anderen Akt erlaubt.

Isa Köhler über die Ausstellung im Walzwerk Null „ Die Nymphen weben den staunenden Augen dort Tücher wie schillernde Meeresflutt (Odyssee)“ zum Download