Im Himmelblau schwebend gewährt SIE uns die Gnade ihrer Erscheinung – ruhender Pol im überirdischen Raum vor unaufhaltsam strömendem Äther, entkörperlicht hinter mehrschichtig den Leib umhüllenden Stoffbahnen, das Haupt sittsam bedeckt, an der Spitze jenes symmetrisch vom Rocksaum aufsteigenden Dreiecks, das in der christlichen Bilderwelt die jungfräuliche Gottesmutter umschreibt. Dennoch konterkariert DIESE Maria alles, was wir von ihr erwarten. Sie ist nicht die Hilfreiche, Zugewandte, Mittlerin zwischen Sünder und Richter – ganz im Gegenteil steht sie unbeweglich da, Haupt und Körper axial zur rechtwinkligen Öffnung des Bildfeldes, abweisend an uns vorbei blickend, die Haare gnadenlos zu einer vollkommen regelmäßigen Kappe gezwungen, in der drohend ihr Scheitelstrahl aufblitzt, die Hand zur Faust geballt, jede Hoffnung auf Gnade zermalmend.
Das von ihrer Rechten ausstrahlende Faltenbündel ihre Waffe, die Knitterfalten in der Stoffbahn über dem Arm die Funken, die dem tödlichen Strahlengewitter vorhergehen. Trotz allem ist diese Madonna unzweifelhaft aus Fleisch und Blut. Hinter dem schützenden Panzer der Inszenierung spürt man die Verletzlichkeit dieser zarten, jungen Frau, die durchaus aus dem Bild „aussteigen“ und sich uns zuwenden könnte. Aber genau das tut sie nicht. Die anschmiegsame Maria, die Michelangelo im Jüngstem Gericht antithetisch zum Blitze schleudernden Christus formuliert, übernimmt selbst die Rolle des Rächenden, Strafenden, inszeniert die Verweigerung der traditionellen Vorstellung von Weiblichkeit – die dennoch sichtbar und spürbar bleibt in Form zahlreicher Verweise von der Mariensymbolik bis zum weiten Décolleté und dem Lippenstift.

Diese Gleichzeitigkeit von Stärke und Schwäche, von Aggressivität und Verletzlichkeit, von Gefühl und Härte, diese Gegenüberstellung polarer Möglichkeiten, ja Notwendigkeiten, unserer Existenz setzt die Bewegung unseres schauenden Erkennens in Gang. Im Boxring ist es die Siegerpose, die evoziert wird, um desto deutlicher Erschöpfung, Schwäche, ja sogar Zartheit des unterlegenen Körpers zu zeigen. Die nackte Faust steht gegen die unüberwindliche Härte der Mauer oder des Boxsackes aus Beton. Der Hieb des Beils trifft den Menschen vor uns, den die klassische Büste vergegenwärtigt, mitten ins ungeschützte Gesicht. Die Seifenblase schwebt in all ihrer verletzlichen Schönheit vor dem Hintergrund aus Beton, Glas und orthogonalem Fensterrahmen, an dem sie spurlos vergehen wird. Eine irritierende conjunctio oppositorum nistet sich in unserem Inneren ein wie eine verschluckte Gräte.
Stets setzt die Künstlerin die jeweilige Inszenierung selbst „in Szene“. Der Mantel ist kein Mantel, sondern Teil eines Vorhangs, jede Falte geplant, die Haare aufs Sorgfältigste gekämmt; niemand steht oder blickt wie diese Frau – es sei denn auf der Bühne eines Theaters oder eines Bildes. Die Mittel, mit denen Nadine Decker unser Nachdenken und Nachfühlen über unsere Vorstellungen der Muttergottes und die damit aufs engste verknüpften Vorstellungen von Weiblichkeit herausfordert, werden genau so bloß gelegt wie die entsprechenden Mittel im Falle des Boxers oder der Knock-Out-Büsten. In der Arbeit mit dem Titel „Aragonien“ evoziert eine dunkle Zackenlinie vor dem Hintergrund im Blau schwebender weißer Schlieren den Eindruck der Sierra. Aber zugleich mit der Bergkette steht vor unseren Augen der fotografische Modus der Illusions-Erzeugung. Was wir spätestens seit Descartes wissen, dass Sehen ein höchst unzuverlässiges Instrument der Erkenntnis ist, macht die Künstlerin anschaulich mit den Mitteln des angeblich so mechanisch-zuverlässigen, scheinbar unhintergehbaren Fotoapparates. In allen ihren Arbeiten steckt der Stachel des Zweifels – des Zweifels daran, dass es die erscheinende Oberfläche des Dargestellten ist, um die es geht. Die offensichtliche Konstruiertheit ihrer Fotografien ist integraler Teil einer präzisen Strategie, die unsere Reflexion in Gang setzt. Offenen Auges stürzen uns Nadine Deckers Arbeiten in einen Strudel widersprüchlichen Fühlens und Denkens, das sich unbequem und verstörend vor unsere gewohnte Wahrnehmung und die vertrauten Gewissheiten legt.

Horant Fassbinder über Nadine Decker für „20 Jahre Klasse Eißfeldt“ zum Download

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