Nadine Deckers Arbeiten bewegen sich im Spannungsgefüge zwischen abstrakter Formensprache und durchaus konkreten Motiven, wobei der Ausgangspunkt ihrer Arbeit meist inhaltlicher und theoretischer Natur ist. In Deckers aktueller Arbeit setzt sie sich künstlerisch mit der Thematik Boot auseinander. Die beiden Arbeiten Papierboot. Aufgefaltet. und How to construct a boat, that is too heavy to float but too light to sink, stehen exemplarisch sowohl für den Umgang mit unterschiedlichen Medien, als auch für den Kern des inhaltlichen Interesses. In der Videoarbeit sucht ein Schiffsbauingenieur der Herausforderung gerecht zu werden, die poetische Frage des weder schwimmenden noch sinkenden Bootes zu beantworten. Die flache Bodenskulptur des in Beton manifestierten, aufgefalteten Papierbootes vereint hingegen beide Aspekte, indem sie aus Papier „zu leicht“ und aus Beton „zu schwer“ ist, indem sie Boot und Wellenlandschaft zugleich abbildet. 1
Die großformatigen Fotografien der Seascapes zeigen alle ein ähnliches Motiv: Eine farbige Wüsten- oder Wasserfläche, darüber ein schwarzer, grauer oder sandfarbener Himmel, die teilende Horizontlinie jeweils knapp unter der Bildmitte. Tritt man heran, um sich Details im türkis-grünen Meer anzusehen, stellt man fest, dass es nur eine sehr schmale Schärfeebene gibt, wie eine dünne Linie unterhalb des Horizonts. Es ist diese Linie, die die Illusion von Meer und weitem Raum zerstört. Aus den verschwommenen, sanften Wellenbewegungen des unteren Bildteils bilden sich Strukturen, die man aus anderen Kontexten kennt: fein gewebter Stoff, industriell gewebtes Tuch. So wird man als Betrachter wieder hinaus katapultiert aus der weiten Welt, auf die man sich gerade eingelassen hatte, hinein in die Enge und Privatheit eines Schlafzimmers. Was auf den Bildern zu sehen ist sind schlichte Bettlaken, so nah fotografiert, dass sie die Möglichkeit zur Transformation in sich tragen. Nadine Decker führt durch diesen im Grunde einfachen Illusions-Trick extrem gegensätzliche, sich fast schon widersprechende Orte zusammen. Und in diesem Kippmoment, zwischen dem Versprechen der romantischen Landschaft und dem einfachen Bett mit zerwühltem Laken, schwankt die sichere Navigation des Betrachters. 2

1 Heike Ander in: What Subject Can We Sensibly Discuss Journal der KHM, Köln, 2015
2 Wiebke Elzel für die Ausstellung Navigation , Case – Projektraum für Fotografie, Köln